Fotografische Arbeiten aus dem Bereich der Konkreten Fotografie mit einem Text von Barbara Schneider:

Wenn Licht Licht trifft

Im medialen Zeitalter ist der Mensch einer Flut von Bildern ausgesetzt, die er nicht mehr bewusst verarbeiten kann. Nicht nur die Wahrheit des fotografischen Abbildes wird dadurch zweifelhaft, auch die Realitätswahrnehmung an sich gerät ins Wanken. Die Kunst erfüllt hier die Aufgabe, neue Anschauungsweisen zu suchen und damit einen neuen Realitätszugang zu schaffen.
Dieses neue Verständnis von Realität zeigen generierte Bilder auf, die sich frei von äußeren Zwängen entfalten können. Die Konkrete Fotografie ist eine künstlerische Bewegung, die Aufgaben und Bedeutung der fotografischen Disziplin reflektiert und sich mit ihrer eigenen Struktur auseinandersetzt. Das Bild erfährt eine Bedeutungsverschiebung im Vergleich zur gegenständlichen Fotografie: Nicht als Fenster zur Welt hat es eine Vermittlerfunktion inne, sondern steht in seiner Farbigkeit und Materialität ausschließlich für sich – es wird zum ganzheitlichen Objekt und funktioniert als autonomer Gegenstand.
Jeder generativen Fotografie liegen mathematisch-technische Parameter zu Grunde, die die Gestaltung des Bildes nach Wunsch des Künstlers beeinflussen. Diese Parameter liegen in der Wahl der Technik, des Materials und des Lichts, das als Grundlage für jedes fotografische Bild eine entscheidende Rolle spielt.
Christiane Volgmann hat für ihre Arbeit ein Medium entdeckt, das bei der Reflexion des digitalen Zeitalters in höchstem Maße angemessen erscheint: Sie arbeitet mit einem gewöhnlichen Flachbett-Scanner. Beim Scannen wird vom Gerät eine Lichtquelle ausgesandt, die das zu scannende Bild abtastet. Sensoren nehmen die Helligkeitsdifferenzen wahr, die im Rechner zu einem Bild aufgebaut werden.
Christiane Volgmann konfrontiert ihren Scanner nun aber mit reinem Licht. Dieser Zusammenstoß von gerichtetem Scannerlicht und von Hand bewegtem Licht wird in einem mathematischen Prozess umgewandelt – es entsteht das bildnerische Zeugnis eines Lichtquellencrashs. Die äußeren Vorgaben werden von der Künstlerin festgelegt: Die Anzahl der Lichtquellen, die Entfernung vom Scanner sowie Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung bestimmen die Parameter der Gestaltung. Unabdinglich dabei ist der Zufall während des Scannens. Mittels körperlicher Bewegung überträgt Christiane Volgmann ihre Vorstellungen auf den virtuellen Raum, bevor diese auf Papier gedruckt werden können. Je nach Moment, Verfassung und mentaler Haltung entstehen Bilder, die einer Art kreativem Zufall ausgesetzt und in ihrer Entstehungsweise nicht identisch reproduzierbar sind.
In ihrer Ästhetik entsprechen die Bilder einem Zusammenspiel von technischer Perfektion, Planungund Zufall, Mensch und Maschine. Das Oszillieren der Farben erfolgt aus dem digitalen Rechenvorgang, während der Bildaufbau dem künstlerischen Geist entspringt. Die Unregelmäßigkeiten geben die menschliche Unzulänglichkeit gegenüber der Technik, aber auch das Lebendige, Einzigartige wieder. Die Künstlerin und die Maschine verschmelzen zu einem „Cyborg“, einem Wesen, das menschliche wie digitale Eigenschaften in sich vereint. Wahrscheinlich erklärt dieses Wechselspiel zwischen der Imagination der Künstlerin und den technischen Gegebenheiten die Faszination und Anziehungskraft, die von den Bildern ausgeht.

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